Heinrich Knodel

Heinrich Knodel

Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe Ludwigsburg e.V.

Herr Knodel, wie viele Obdachlose betreut die Wohnungslosenhilfe zurzeit? Die Gesamteinrichtung betreut 180-190 Obdachlose, verstreut über fünf Teileinrichtungen. In der Friedrichstraße befinden sich die Fachberatung und Tagesstätte, der zweite Hauptsitz ist unser Aufnahmehaus in der Schorndorferstraße, wo 21 Menschen befristet wohnen können. Mittlerweile haben wir auch ein kleines Interimsaufnahmehaus für Frauen mit drei Plätzen, und dann gibt es im ganzen Stadtgebiet weitgehend angemieteter Wohnraum. In der Regel kommen die Leute in der Fachberatungsstelle an, hier wird geklärt was ist los, wohin es gehen soll – die Tagesstätte ist erstmal auch eine Hilfe beim Überleben auf der Straße. Von dort geht’s ins Aufnahmehaus, einer Art Wohnheim, in dem die Leute mindestens ein Viertel Jahr, max. ein Jahr bleiben können. In diesem Zeitraum wird dann überlegt, wie sie sich entwickelt haben, sind sie so fit, dass sie in einen normalen Wohnraum gehen können.

Wie unterstützen Sie die Obdachlosen? Unsere Hilfe besteht aus zwei Blöcken: Zunächst steht die Existenzsicherung im Vordergrund, d.h wir sorgen dafür, dass sie medizinisch versorgt werden oder dass die Menschen wieder ihr Geld bekommen. Wenn sie keine Arbeit haben, eben Arbeitslosengeld II oder andere Sozialleistungen. Der zweite Block, bei dem es für uns dann erst richtig spannend wird, ist zu schauen, warum derjenige überhaupt erst soweit gekommen ist. Oft geht es um Schulden, um Sucht- und familiäre Probleme. Dazu muss ein Bezug zu dieser Person hergestellt, eine Vertrauensbasis geschaffen werden; dann überlegen wir gemeinsam, wie es weitergehen soll, welche Perspektiven es gibt.

Wie lange betreuen Sie die Menschen? In unserem bestehenden Aufnahmehaus in der Schorndorferstraße hängt es davon ab, wie lange es vom Sozialamt gewährt wird, möglicherweise bis zu einem Jahr. Betreut werden die Menschen aber, solange die Probleme da sind. Wir haben viele Leute, die schon seit Jahren, Jahrzehnten in betreuten Wohneinheiten wohnen und die noch administrative Hilfe brauchen, beispielsweise bei der Bewilligung des Arbeitslosengeld II - Antrages, d.h. diese Menschen haben noch bestimmte Schwierigkeiten, aber in der Regel kommen sie im Alltag zurecht. Für Manche machen wir auch noch Geldverwaltung. Für Einige sind wir wirklich so was wie ein Angehörigenersatz geworden, denn ein wichtiger Punkt bei unserem Personenkreis ist eben auch die Vereinsamung, die fehlenden Kontakte und Beziehungen außerhalb des Milieus.

Was treibt Menschen in die Obdachlosigkeit? Niemand steht plötzlich auf der Straße. Wenn man die Geschichte eines Obdachlosen hört, dann findet man schnell heraus, dass es eine lange Vorgeschichte gibt. Viele, vor allem die Älteren, hatten Familie. Dann fing es irgendwo an zu kriseln, im Job, in der Beziehung. Es kamen Schulden hinzu, Suchtproblematik, oft auch Krankheit, dadurch gerät die Arbeitsstelle in Gefahr. Die ganzen Probleme dynamisieren sich, Beziehungsprobleme mehren sich, die Schulden werden höher. Oft ist die Scheidung, die Trennung ein ganz markanter Punkt. Dann verschärft sich diese ganze Abstiegskarriere massiv. Die Frau blieb mit den Kindern in der Wohnung, der Mann versuchte sich bei Kumpels durchzuschlagen, fand vielleicht auch eine eigene Wohnung, aber die Probleme waren einfach zu viel. Das ist der typische Weg. Wir haben leider mittlerweile auch sehr viele Junge, ein Viertel der Männer und fast die Hälfte bei den Frauen sind unter 29. Da ist es anders. Oftmals hatten sie schon von Anfang an Probleme, kamen mit den Eltern nicht zurecht, Scheidungsfamilien, wo die Kinder mit den Stiefeltern nicht zurecht kommen und dann in Jugendeinrichtungen geschickt werden. Diese Geschichten sind für uns oft noch viel schwieriger, weil es ein Aufbau von null an ist. Viele hatte noch nie eine Arbeitsstelle. Es ist eine Mischung, schleichender Abstieg und markante Situationen, wie ein sozialer Infarkt. Man darf sich selbst davor auch nicht gefeit halten, es gibt bei jedem von uns eine gewisse Sollbruchstelle, wenn ein bestimmtes Maß an Belastung überschritten ist, dann funktioniert nichts mehr. Dann würde jeder von uns ein Stück weit mit Rückzug und Passivität reagieren. Und das ist bei allen unserer Leute irgendwann eingetreten. Irgendwann waren die Belastungen zu groß und dann haben sie die Segel gestrichen – ist eh alles egal. Frau ist weg, Kinder wollen mich nicht mehr sehen, auf dem Arbeitsmarkt hab ich keine Chancen mehr.

Können Obdachlose wieder in ihr ursprüngliches soziales Umfeld zurück finden? Das ist ganz schwer, der Bruch ist oftmals so schwer, dass man es kaum mehr kitten kann. Was geht ist eben auch eine Nische zu schaffen, wo sie einerseits wieder lernen sich in Normalität zu bewegen, aber gleichzeitig auch ein wenig so bleiben können wie sie sind, mit all ihren Eigenheiten – das ist z.B. das tolle an dem neuen Projekt Wohnraum für Wohnungslose Menschen in Eglosheim. Das klappt ganz gut und dann stabilisieren sich die Leute und schaffen es, sich allmählich ein neues Umfeld aufzubauen.

Was ist das besondere am Projekt in Eglosheim? Dieses Haus und der Kontakt mit der STRENGER-Stiftung ist für uns ein sehr großer Gewinn, denn bei dem Haus in Eglosheim handelt es sich eben um Einzelwohnraum. Oft wohnen unsere Leute in Zwangswohngemeinschaften, doch der hauptsächliche Bedarf bei unseren Leuten ist eben auch der Einzelwohnraum. Den Leuten ist es einfach lieber, zwar auf wenigen Quadratmetern zu wohnen, aber die Möglichkeit zu haben, die Türe hinter sich zu schließen und für sich zu sein. Außerdem können sie dort solange wohnen bleiben, wie sie wollen. Das Wohnraum-Projekt hilft uns zudem enorm bei unserer fortlaufenden Arbeit, der Wohnungsakquise, denn was hilft unsere ganze Betreuung, wenn wir den Menschen keine Perspektive auf Wohnraum bieten können. Weil wir Menschen eben auch in Wohnungen beheimaten, aber fortlaufend neue Leute kommen, müssen wir dauernd neuen Wohnraum akquirieren, damit wir auch weitere Optionen schaffen können. Wir haben natürlich einen gewissen Ablauf, aber zu wenig, die Wohnraumakquise ist eine fortlaufende Arbeit, denn mit dem Wohnraum steht und fällt die Integration.

Und wer darf ins Projekt? Dafür gibt es verschiedene Kriterien. Die Wohnfähigkeit muss gegeben sein. Wer in das Haus zieht, hat irgendwo bei uns schon mal gewohnt, war entweder befristet im betreuten Wohnen, war vielleicht schon im anderen Einrichtung. Wir sind dort ja nicht ständig präsent, deshalb muss es auch ohne uns funktionieren. Und das andere ist die Verträglichkeit untereinander. Es muss im Gemeinschaftsgefüge funktionieren. Es gibt auch eine Hundehausordnung, für viele ist der Hund ein essentieller Partner, und wenn die Hunde nicht gefährlich sind und die Besitzer sich um sie kümmern, dann sind sie dort erlaubt. Und drittens: es geht immer nur weiter, wenn die Menschen auch den Kontakt zu uns halten. Viele kommen noch hierher, für viele machen wir auch noch die Geldverwaltung. Wir gehen aber auch in bestimmten Abschnitten noch raus und schauen wie das Alleineleben funktioniert, ob sie Hilfe brauchen oder klar kommen.

Welche Hilfe benötigen diese Menschen noch? Praktische Hilfe, Bewerbungen, oder zu überlegen, wie es weitergehen kann, in kleinen Schritten. Der Normalfall ist jedoch, dass die Leute, die in ein solches Projekt kommen, schon ein gewisses Level erreicht haben, da ist einiges schon abgeklärt und dann geht es oftmals nur noch darum, das Level zu halten und sich zu stabilisieren.